Wertbrief mit  Massenfrankatur der 50-Pfennig-Marke

 
 
Nein, wir befinden uns nicht in der Inflationszeit, aus der man im allgemeinen Massenfrankaturen kennt und gewöhnt ist, sondern es ist Samstag der 4. Januar 1890 in Kotzenau. Kotzenau (heute Chocianow in Niederschlesien / Polen) hat zu dieser Zeit ca. 4.100 Einwohner und liegt im Regierungsbezirk Liegnitz im Kreis Lüben. Der Ort erhielt 1894 die Stadtrechte.
Die intakte rückseitigen Wachssiegel zeigen, dass das ortsansässige "Eisenhüttenwerk Marienhütte/Kotzenau Aktiengesesllschaft (vormals Schnittgen & Haase)" den Wertbrief über den sehr hohen Betrag von siebzigtausend Mark beim Postamt in Kotzenau an die Herren Scheele & Co. nach Stettin aufgab, wo er lt. Ankunftsstempel am 5.1.1890 im Postamt 1 auch ankam.
Der Wertbrief über 70.000 Mark kostete bei einer Entfernung von 242 km 40 Pfg. Porto zzgl. der Versicherungs- gebühr von 5 Pfg. je 300 Mark Wert. Das sind bei 70.000 Mark = 233,33 = aufgerundet auf 234 * 5 Pfg. ergibt 11,70 Mark. Der Gesamtbetrag beträgt demnach 40 Pfg. Porto plus 11,70 Mark Gebühr = 12,10 Mark, die auch verklebt wurden.
Da die Darstellung der Gesamtgebühr mit 24 Marken der Mi. Nr. 44 (50 Pfg.) und einer Marke der Mi. Nr. 41
(10 Pfg.) erfolgte, kann man wohl annehmen, dass  ein Angestellter der Marienhütte die bei ihm im Werksbüro vorrätigen 50-Pfg-Marken vorschriftsmäßig und sehr sorgfältig als Einzelmarken verklebte. Eigentlich waren auf Wertbriefen so wenig Marken wie mögllich zu frankieren. Da aber die 2-Mark-Marke (Mi. Nr. 37) nicht an das Publikum ausgegeben wurde, blieb dem Verantwortlichen nichts anderes übrig, wollte er den Wertbrief im Büro versandfertig machen. Es ist jedoch auch möglich, dass in Kotzenau keine 2-Mark-Marken vorrätig waren und der Postbeamte deshalb den höchsten ihm zur Verfügung stehenden Wert 24 mal verklebte. Einer dieser beiden Möglichkeiten haben wir es zu verdanken, dass diese ungewöhnlichen Frankatur uns als Sammler heute noch erfreut.
(Sammlung Armin Städler)